Jahrbuch_2
              
AUS DEM WINTERTHURER JAHRBUCH 2002


Die Singfrauen von Winterthur sind etwas anders


Er ist über 40 Frauen stark, tönt mitreissend kräftig und wo er auftaucht, lockt er die Zuhörerinnen und Zuhören in Scharen an: Der etwas andere Frauenchor. “Singfrauen Winterthur” nennt er sich lapidar und hat von Volksliedern über geistliche Werke hin zu Hits der Beatles vieles mit im musikalischen Handgepäck.


“Die Singfrauen Winterthur sind ein etwas anderer Frauenchor”. Diese Eigenwerbung macht natürlich sofort neugierig. Anders? Sind die Singfauen unterhaltsamer, packender, politischer oder einfach besser?
Begeben wir uns also auf Spurensuche, versuchen wir zu ergründen, was an ihnen so anders ist. Begeben wir uns ins Jahr 1998:
Da war erst einmal eine Sängerin, die nicht im Traum daran dachte, in Winterthur einen Frauenchor zu gründen. Mit einer Gruppe von Gesangsschülerinnen improvisierte sie einfach regelmässig, experimentierte mit der Stimme. Die Gruppe hatte nicht lange Bestand. Drei Frauen aber blieben hartnäckig, denn das Singen machte Spass, besonders in einer Frauengruppe. Warum also nicht einen Frauenchor gründen? Und die Sängerin, die nie von einem Frauenchor geträumt hatte, stand ganz unerwartet vor einem Dutzend Frauen, die einfach eine unbändige Lust verspürten, gemeinsam zu singen.

Franzsiska Welti, die Sängerin, suchte Noten, probte, dirigierte – die “Singfrauen Winterthur” sangen – manchmal etwas falsch, oft sehr swingend und mit Drive, manchmal etwas dünn, oft sehr perlend und präzis. Auf jeden Fall wirkte alles extrem ansteckend, so dass die Singfrauen sich bald schon verdoppelten, verdreifachten. Nachwuchsprobleme kennen die Singfrauen nicht. Im Gegenteil: Es existiert unterdessen sogar eine Warteliste.

Mit anderen Worten: Das “etwas Andere” an den Singfrauen ist nicht, dass eine ehrgeizige Dirigentin mit fixem Ziel ans Werk ging – das Projekt “Singfrauen Winterthur” hat sich im wahrsten Sinne des Wortes einfach so ergeben, weil die Lust am gemeinsamen Singen so eindeutig und gross da war.

Und so zeigt sich dieses “etwas Andere” auch im Repertoire: Weil sich die “Singfrauen Winterthur” nicht im eigentlichen Sinn als politischen Chor verstehen, studiert man nicht ausschliesslich frauenbewegte, kämpferische Lieder ein. Aber selbstverständlich hat man die auch im Programm. Ebenso wenig will der Chor auf der gefühlsbetonten Ethnowelle reiten und ein schmalziges Volkslied nach dem andern herunter schmettern. Aber selbstverständlich hat man sentimentale mazedonische Liebeslieder im Programm, weil man sich da beim Singen so schön zurücklehnen kann. Und man traut sich auch am “Marche mondiale” in der Steinberggasse, nach schweren Reden über Frauen, die von Armut und Gewalt betroffen sind, das Schweizer Volkslied “S isch mer alles ei Ding” in den Abend hinaus zu singen. Und zwar aus Unbedarftheit oder als Provokation, sondern im Wissen, dass in einem kleinen Volkslied Lebensfreude steckt – vielleicht ein Stück Überlebensfreude. Und weil die klassisch geschulte Dirigentin und Sängerin nicht nur Mozart, Britten und Brahms im Kopf hat, singen die Singfauen auch Werke von Komponistinnen, zum Beispiel von der Monteverdi-Zeitgenossin Francesca Caccini. Und weil dieser etwas andere Frauenchor nicht von gestern ist, wagt man sich auf unbekanntes Terrain und hat die Winterthurer Komponistin Regina Irman um ein neues Werk gebeten. Aber selbstverständlich haben die Singfrauen auch die grossen Komponisten im Repertoire.
Mit anderen Worten – dieses Repertoire, das auf den ersten Blick beliebig wirken könnte, macht unter anderem auch dieses “etwas Andere” aus. Erst recht, weil die Dirigentin daraus thematische Programme strickt und mit grosser Sorgfalt und Akribie daran geht, mit ihren Singfrauen die spezifischen Klänge und Stimmungen der jeweiligen Stile heraus zu arbeiten. Donnerstag für Donnerstag wird in Veltheim in einer ganz eigenen Mischung aus Konzentration und Lockerheit geatmet, gesungen, geprobt und ausprobiert. Manchmal scheint der Notentext unüberwindbar zu sein, die Stimmen wollen nicht zueinander passen - und trotzdem: am Schluss klingt und swingt das Volkslied, das Ave Maria, das Madrigal, der Boogie Woogie.

Am Anfang war die Freude am Singen mit Frauen. Aus und mit dieser Freude ist ein Chor gewachsen, der ernsthaft und mit grösstem Vergnügen probt, singt und auftritt. Und gerade diese offensichtliche Freude macht die “Singfrauen Winterthur” zum etwas anderen Frauenchor.


Text von Karin Salm, erschienen im Winterthurer Jahrbuch 2002

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